07. November 2014, 10:35 Uhr | Stadt Gelsenkirchen
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GE. Nur sehr wenige unter uns hätten vor einem halben Jahr gewusst, wo sich eine Stadt namens Kobanê befindet. Auch die Besonderheiten des Donbass‘ wäre nicht vielen unter uns vertraut gewesen, ebenso die politischen Bewegungen im Nordirak. Heute ist das anders, heute wissen wir mehr über diese Regionen. Aber: Ein wirklicher Fortschritt ist das nicht. Denn wir wissen nur deshalb mehr, weil dort in diesem Herbst Krieg und Gewalt herrschen – und weil bei all den Konflikten Kameras mit dabei sind. Kameras, die Bilder in unsere Wohnzimmer transportieren, die wir nicht sehen wollen, die teilweise die Kriegsparteien gezielt fabriziert haben – und die dennoch den Weg in unsere Köpfe finden.
Wir haben Bilder gesehen, die erschrecken und die sprachlos machen. Die auf beklemmende Art in Erinnerung rufen, dass die Einhegung von Gewalt kein Naturgesetz ist – sondern letztlich immer nur eine Momentaufnahme. Weil es immer wieder Einzelne und Gruppen gibt, die Gewalt anstreben und von Gewaltausübungen profitieren – wenn Ihnen nicht rechtzeitig Einhalt geboten wird.
Gegenwärtig erleben wir das auf eine frappierende Art bei dem IS, dem so genannten Islamischen Staat. Aber gerade in unserem Land kann, ja: muss diese Einsicht viel weiter zurückreichen. Und genau deshalb suchen wir mit dem heutigen Schweigezug mehrere Gelsenkirchener Orte auf, die uns an unsere eigene Geschichte erinnern. An eine Geschichte, die eben auch eine Geschichte von Krieg und Gewaltherrschaft ist. Eine Geschichte, die mit geprägt ist von Taten, die uns noch heute erschrecken und sprachlos machen. Und das, obwohl damals weniger Kameras dabei waren und nicht für jedes begangene Unrecht aussagekräftige Bilder existieren.
Dafür aber haben wir in unserer Stadt in den vergangenen Jahren Erinnerungsorte geschaffen. So sind hier am Friedhof Horst-Süd zahlreiche Gelsenkirchener bestattet, die im Ersten Weltkrieg zu Tode gekommen sind – eine ganze Generation junger Männer, die in einem unsinnigen Krieg verheizt wurde. Wir gehen gleich weiter zu einem Denkmal, das an die Frauen und Männer erinnert, die sich 1920 gegen den so genannten Kapp-Putsch gewehrt haben – gegen einen Staatsstreich rechtsextremer Kräfte, 13 Jahre bevor die Macht doch an die Nazis ging. Und schließlich kommen wir zur Grabstätte sowjetischer Zwangsarbeiter, von Menschen aus Russland, der Ukraine und anderen Ländern, die hier unter unmenschlichen Bedingungen für ein unmenschliches Regime schuften mussten.
Mit zu dieser Geschichte von Krieg und Gewaltherrschaft gehört auch der 9. November 1938. Der Tag, als durch unsere Stadt Nazi-Schlägertrupps zogen und Jagd auf unbescholtene Menschen machten. Und wenn wir wissen wollen, was dieser Tag mit unserer Gegenwart zu tun hat, was er uns immer noch sagt, was er uns gerade im Jahr 2014 zu sagen hat – dann müssen wir leider nicht sehr weit gehen. Dafür müssen wir keine Vergleiche mit den Ereignissen in der Ukraine oder in Syrien ziehen. Da finden wir Anklänge und Parallelen ganz in unserer Nähe. Denn es ist offenkundig: Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Gewaltbereitschaft sind aus unserer Gesellschaft keineswegs verschwunden!
Wir haben im Sommer erleben müssen, wie in unserer Stadt Proteste gegen den Gaza-Krieg in offenen Antisemitismus mündeten und die Synagoge der jüdischen Gemeinde attackiert wurde. Und wir haben vor zwei Wochen Bilder aus Köln gesehen, als mehrere tausend Schlägertypen grölend und randalierend durch die Innenstadt gezogen sind. Vorgeblich, um gegen eine andere radikale Gruppe, gegen gewaltbereite Islamisten, zu protestieren. Dabei wurde rasch deutlich, dass es nicht darum ging – sondern darum, eine friedfertige Gesellschaft herauszufordern. Bilder etwa des umgestürzten Polizeiautos sprechen eine klare Sprache. In Köln wurde etwas versucht, was uns sehr konkret an die 1920er- und 1930er-Jahre erinnern muss: Durch gewaltbereites Auftreten wollen rechte Schläger andere Menschen einschüchtern und den öffentlichen Raum dominieren!
Diese Vorfälle haben eine Dimension angenommen, die uns erschrecken kann – die uns aber nicht sprachlos machen darf. Nein, wir müssen all diesen Leuten sehr deutlich machen, was von Ihnen zu halten ist. Wir dürfen keinen Raum für rechte Schläger lassen, ob sie sich nun Hooligans nennen, ob Sie nun offene oder verdeckte Nazis sind. Und wir dürfen auch nicht zulassen, dass Religionsgemeinschaften in unserer Stadt zur Kriegspartei erklärt werden.
Wir müssen ganz klar Position beziehen gegen menschenfeindliche Parolen, gegen Rassismus und Diskriminierung. Wir müssen unseren Beitrag dazu leisten, dass Gewalt in unserer Gesellschaft nie wieder eine Rolle spielen kann, dass sie keinerlei Toleranz erfährt. Dazu ist es nötig, sich zu erinnern, dazu ist es aber auch nötig, immer wieder ein öffentliches Statement abzugeben – wie wir es mit dieser Kundgebung tun. Darum Ihnen und Euch allen ein ganz herzliches Dankeschön!