02. November 2016, 11:09 Uhr | Stadt Gelsenkirchen
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GE. Das Institut für Stadtgeschichte führt in Kooperation mit dem Kommunalen Integrationszentrum Gelsenkirchen eine Veranstaltung zu Ereignissen durch, die zwar nicht in Gelsenkirchen stattfanden, aber viele Gelsenkirchener Bürgerinnen und Bürger beschäftigten, aufregten und bis heute lebhaft diskutiert werden:
Am 15. Juli 2016 versuchte ein Teil der türkischen Militärs mit Waffengewalt die Macht in der Türkei zu übernehmen. Nach dem Aufruf von Staatspräsident Erdogan und den Oppositionsparteien leisteten zahlreiche Bürgerinnen und Bürger Widerstand. Dabei wurden über 240 Menschen von Putschisten ermordet und über 2.200 Menschen verletzt. Am Ende scheiterte der Putsch an dem Widerstand der Bevölkerung und der Mehrheit der Sicherheitskräfte.
Der Putschversuch wird von allen Parteien in der Türkei der Fethullah-Gülen-Bewegung zur Last gelegt. Seit Jahren warnen zahlreiche demokratische Organisationen und Journalisten vor der Gülen- Bewegung, weil sie der Bewegung eine Unterwanderung des Staatsapparats der Türkei unterstellen. Der Anführer dieser Bewegung lebt seit 1999 in den USA und es wird vermutet, dass die Bewegung von der CIA gegründet und unterstützt wurde.
Nach dem versuchten Umsturz rief die türkische AKP-Regierung den Ausnahmezustand aus, verhaftete tausende am Putsch Beteiligte, später folgten zehntausende Entlassungen von Richtern, Lehrern, Beamten, auch Fernsehanstalten wurden geschlossen. Allen Verhafteten wird die Mitgliedschaft oder Unterstützung der inzwischen als Terrororganisation eingestuften Gülen-Bewegung, aber auch der kurdischen PKK vorgeworfen. Wurden die Verhaftungen und Entlassungen zunächst auch von den Oppositionsparteien unterstützt, so lehnt mittlerweile die demokratische Öffentlichkeit die maßlosen Verhaftungen und Entlassungen ab. Sie unterstellen der AKP-Regierung, dass sie sich damit unliebsamer demokratischer Kräfte entledigen wolle.
Auch im Ausland und ebenso in der Bundesrepublik war man sich nicht immer sicher, wie man mit diesem Putsch umgehen sollte. Einerseits lehnte die Mehrheit der europäischen Regierungen jeglichen Putschversuch ab, andererseits war es für sie unverständlich, wie so viele Menschen ohne rechtsstaatliche Mittel verhaftet und entlassen werden konnten.
Um die komplexen Entwicklungen in der Türkei besser zu verstehen, führt das Institut für Stadtgeschichte in Kooperation mit dem Kommunalen Integrationszentrum eine Informationsveranstaltung mit dem renommierte türkische Journalist Ismail Saymaz durch. Die Veranstaltung unter Überschrift "Der gescheiterte Putsch vom 15. Juli in der Türkei und die Folgen" findet am
Samstag, 5. November 2016, um 18 Uhr
im Wissenschaftspark,
Munscheidstraße 14, 45886 Gelsenkirchen
statt. Der Journalist Ismail Saymaz wird in seinem Vortrag den Putschversuch und die Folgen analysieren und anschließend für eine Diskussion zur Verfügung stehen.
Ismail Saymaz (geb. 1980) ist ein türkischer Journalist. Er betätigte sich schon im Alter von 15 Jahren journalistisch, machte literarische Programme fürs Radio. Nach dem Studium der Kommunikationswissenschaften an der Marmara-Universität war er als Reporter für örtliche Presse in Rize tätig. Später arbeitete er bis zur Schließung im Jahr 2015 für die Tageszeitung „Radikal“. Er arbeitet heute für die größte Tageszeitung der Türkei „Hürriyet“. Ismail Saymaz ist ein gefragter Gast für politische Sendungen in Funk und Fernsehen. Zuletzt im Oktober 2016 wurde er bekannt für ein Interview mit dem Entwickler eines Computer-Programms, das von Gülen-Bewegung für den konspirativen Informationsaustausch unter den Anhängern benutzt wird. Damit deckte er auf, wie die Bewegung im Geheimen arbeitet. Paradoxerweise wurde er wegen angeblicher Unterstützung der Gülen-Bewegung von der Staatsanwaltschaft vorgeladen.
Ismail Saymaz beschäftigt sich insbesondere mit den Fragen der Menschenrechte sowie der Verfolgung und Unterdrückung von Minderheiten in der Türkei. Er wurde bekannt u.a. durch seine Berichte zu den Morden in Erzurum, Malatya (Ermordung von 2 Christen/Pfarrern), von Ali Ismail Korkmaz während der Gezi-Park-Demonstrationen. Er schrieb mehrere Bücher über diese Ereignisse.
Für seine Arbeit erhielt Ismail Saymaz mehrere Preise u.a. vom Journalistenverband der Türkei 2010, 2012 und 2015, vom Istanbuler Menschrechtsverein 2011, vom Verband der Verleger 2012 und den Abdi Ipekci-Journalistenpreis.