22. Januar 2016, 12:30 Uhr | Stadt Gelsenkirchen
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Rede von Oberbürgermeister
Frank Baranowski
- Es gilt das gesprochene Wort –
GE. Dieses Haus hier in der Bismarckstraße 193 ist ein Gelsenkirchener Erinnerungsort, von heute an ganz offiziell. Für mich ganz persönlich ist es das schon etwas länger, denn mit diesem Eckhaus verbinde ich eine spannende Phase meines politischen Lebens – und der Gelsenkirchener Stadtentwicklung. Hier in diesem Haus hatte ich ab 1995 als junger Landtagsabgeordneter mein Wahlkreisbüro. Und das zu einer sehr aufregenden Zeit: Die Förderung in der Zeche Consolidation war 1993 eingestellt worden, dem Stadtteil war die Mitte weggebrochen, er musste sich wieder berappeln und neu erfinden – und genau das tat er dann auch.
Zu der Zeit wusste ich nicht, dass in diesem Haus einmal ein anderer Politiker gewohnt hat. Ein später sehr prominenter Politiker, den viele nicht sofort mit Gelsenkirchen in Verbindung bringen würden. Aber tatsächlich war Richard von Weizsäcker einmal Gelsenkirchener: Von 1950 bis 1954 hat er für die Mannesmann AG gearbeitet und wohnte dann, was ich sehr sympathisch finde, nur einen Steinwurf entfernt vom Zechengelände, in der Bismarckstraße 193. Mittendrin also, dort, wo das Leben tobte, in jenen Jahren, als die erste Kohlekrise noch fern war.
Wer weiß, vielleicht hat Richard von Weizsäcker hier aus Bismarck entscheidende Dinge mitgenommen, die ihn später auszeichneten. Den ruhrgebietstypischen Sinn für klare und realistische Aussagen zum Beispiel. Genau diese Tugend hat Richard von Weizsäcker ja in einer Rede unter Beweis gestellt, an die wir uns noch heute erinnern – und vermutlich die künftigen Generationen ebenfalls. Weizsäcker hat nicht als erster überhaupt, aber doch als erstes Staatsoberhaupt der Bundesrepublik anerkannt, dass der 8. Mai ein „Tag der Befreiung“ war. Und das war ein Satz, hinter den kein Vertreter unseres Landes mehr zurück konnte.
Heute kommt uns dieser Satz selbstverständlich vor, doch im öffentlichen Diskurs des Jahres 1985 war er das wohl noch nicht. Und darum erinnern wir uns heute nicht nur daran, dass ein Präsident der Bundesrepublik einmal hier in unserer Stadt lebte. Sondern auch daran, wofür dieser Präsident stand: Dafür, dass wir alle eine Verantwortung für einen aufgeklärten und verantwortungsbewussten Umgang mit unserer Vergangenheit haben – und für das Bemühen um Verständigung über gesellschaftliche Gräben hinweg! Es ist damit sozusagen ein Erinnerungsort für einen und an einen, der selber die Erinnerungskultur in unserem Land entscheidend geprägt hat.
Glück auf!