04. Dezember 2015, 14:36 Uhr | Stadt Gelsenkirchen
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Meine sehr geehrten Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
liebe Yasemin,
vielen Dank, dass Sie mir die Gelegenheit geben, ein paar Worte an Sie zu richten. Denn ich möchte Ihnen gratulieren. Ja! Herzlichen Glückwunsch zum Deutschen Nachhaltigkeitspreis 2015! Es ist erst wenige Tage her, dass Vaillant diesen Preis als Deutschlands nachhaltigstes Großunternehmen bekommen hat. Und normalerweise ist das erste, was man als Unternehmen nach einer solchen Auszeichnung ja macht, dass man sich bei seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bedankt und denen gratuliert, die das mit ihrer Arbeit möglich gemacht haben.
Ich weiß nicht, ob das bei Ihnen geschehen ist. Wenn ja, dann ist hoffentlich der Dank auch nach Gelsenkirchen gegangen! Er hätte Ihnen allen gelten müssen! Denn Sie haben den größten Anteil daran. Wenn Vaillant sich heute als Anbieter von Schlüsseltechnologien für die Energiewende feiern lassen kann, dann deshalb, weil Sie dafür gesorgt haben. Weil der Standort Gelsenkirchen als Kompetenzzentrum für die Produktion von innovativen Geräten auf Basis erneuerbarer Energien und Hocheffizienztechnologien diese nachhaltige Aufstellung des Gesamtunternehmens erst möglich gemacht hat!
Aber ich vermute, dieser Dank ist nicht nach Gelsenkirchen gegangen, denn dann wäre ja die Widersinnigkeit der ganzen Situation für alle deutlich zutage getreten: Nämlich dass hier ein Standort zur Disposition gestellt werden soll, der nicht nur den nachhaltigen neuen Markenkern Vaillants mit Glaubwürdigkeit hinterlegt, sondern der ihn – nicht zuletzt auf Betreiben und unter Mitwirkung dieser Belegschaft – überhaupt erst hervorgebracht hat! Und wenn ich jetzt lese, dass Vaillant den Umsatzanteil von eben diesen Produkten bis zum Jahr 2020 auf 80 % erhöhen will – dann frag‘ ich mich doch: Wie wollen die das machen, wenn sie gleichzeitig den Standort dichtmachen, in dem solche Produkte gefertigt werden können? Das passt doch nicht zusammen!
Nein, das ist ja gerade das Widersinnige in dieser Situation. Der Eindruck drängt sich schon auf, dass hier ein Standort in Frage gestellt werden soll, der voll im Saft steht. Der innovativ ist, der über eine hoch qualifizierte Belegschaft verfügt und der fast als einziger diese – angeblich ja so zentralen – Zukunftstechnologien herstellt. Also: Wenn Vaillant in Gelsenkirchen keine Zukunft mehr sieht – ja, wo denn dann noch!?
Rote Zahlen jedenfalls hat Vaillant in seiner Unternehmensgeschichte hier noch nie geschrieben. Und wenn die Auslastung so schlecht wäre: Warum schieben Sie alle hier denn Überstunden und warum sind dann zudem rund 20 Leiharbeiter im Werk beschäftigt? Nein, das passt alles nicht zusammen! Ich bleibe dabei: Das ist hier eine unternehmerische Entscheidung, die für mich nach wie vor nicht nachvollziehbar ist.
Wenn ein Unternehmen auf solche Weise qualifizierte, profitable Standorte aufs Spiel setzt, um an einem anderen - in diesem konkreten Fall osteuropäischer - Standort womöglich noch profitabler zu werden, dann setzt es auch seine Zukunftsfähigkeit und seinen guten Ruf aufs Spiel, den es durch das Qualitätslabel „Made in Germany“ erworben hat. Produktionen nach Osteuropa auszugliedern, passt nicht unbedingt zu diesem Qualitätsanspruch und ist mit Sicherheit eines nicht: „Made in Germany“! Und zukunftsweisend und nachhaltig ist das auch nicht!
Das Unternehmen und die Marke Vaillant stehen für Werte, die ich in der jetzigen Situation einfach nicht erkennen kann. Ich hab‘ mal auf der Internetseite der Firma Vaillant geguckt: Da gibt sich das Unternehmen ja diese Werte, ja es gibt sich sogar eine ganze Unternehmenskultur.
Da steht:
„Teamgeist und Solidarität machen uns stark. Wir können uns aufeinander verlassen, sind immer fair zueinander und gehen voller Respekt miteinander um.“ – Also, wenn so ein respektvoller Umgang aussieht, ohne Vorwarnung, ohne Ankündigung und ohne Mitwirkung der Belegschaft oder der Arbeitnehmervertretung einem ganzen Werk in einem Sechs-Minuten-Statement ohne Nachfragemöglichkeit das Aus zu verkünden, dann muss ich meine Vorstellungen von Solidarität und Respekt offenbar überdenken. Wenn das der faire Umgang und der Vaillant-Teamgeist ist, dass sich die Geschäftsführung von der Security vor den eigenen Mitarbeitern schützen zu müssen glaubt, dann stelle ich fest, dass auch da wieder einiges nicht zueinander passt.
Bleiben wir nochmal bei der Website. Da steht weiter:
„Wir teilen Informationen, Erfahrungen und Wissen.“ – Auch wieder so eine Sache. Obwohl man seit über einem Jahr in Gesprächen über die zukünftige Ausrichtung des Werks ist, hatten keiner, weder Betriebsrat noch Gewerkschaft noch Stadt, im Vorfeld den leisesten Hinweis auf eine solche Entscheidung erhalten. Der Oberbürgermeister der Stadt Gelsenkirchen wartet bis heute auf einen zugesagten Gesprächstermin in dieser Angelegenheit.
Soviel dann übrigens auch zum nächsten Unternehmenswert, der auf der Homepage steht, der da lautet: „Wir übernehmen Verantwortung für unsere Entscheidungen.“ Interessant ist aber, wie der Satz weitergeht, nämlich so: „und dürfen doch Fehler machen, aus denen wir lernen.“
Dazu kann ich nur sagen: Das jetzt wäre eine verdammt gute Gelegenheit dafür!
Lernen Sie aus diesem Fehler, den Sie hier machen! Geben Sie die Schließungspläne für den Standort Gelsenkirchen auf! Im Interesse der Stadt Gelsenkirchen, im Interesse der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, aber auch im Interesse des Unternehmens Vaillant selbst, dessen zentrale Kompetenz für die wesentlichen Zukunftstechnologien hier in Gelsenkirchen sitzt!
Die Belegschaft, die Arbeitnehmervertretung in Gelsenkirchen hat in der Vergangenheit mehr als einmal beweisen, dass sie in der Lage ist, sich innovativ und zukunftsfähig aufzustellen, sich konstruktiv einzubringen. Mein Appell an die Geschäftsführung ist: Nutzen Sie doch dieses Know How! Nutzen Sie die Bereitschaft des Betriebsrats, konstruktive Gespräche über verschiedene Zukunftsmodelle zu führen. Das hat vor 12 Jahren schon einmal funktioniert und Ihnen heute den Deutschen Nachhaltigkeitspreis eingebracht!
Ihnen allen, meine Damen und Herren, kann ich sagen: Die Stadt Gelsenkirchen hat den Kampf um den Standort vor 12 Jahren noch nicht vergessen. Wir wissen noch, wie das geht! Und Sie auch, da bin ich fest von überzeugt. Ich kann Ihnen versichern: Wir sind dabei! Die Verwaltung und die Politik in dieser Stadt, quer durch alle Parteien, ja die ganze Stadtgesellschaft: Wir stehen an Ihrer Seite!
Glück auf!